Zum Inhalt springen
Pflege-Sprechzeit

Pflegegrad, Leistungen, Alltag

Ihre Frage

Pflege zu Hause

Dekubitusprophylaxe zu Hause: Lagerung und Bewegungsplan

Ein Druckgeschwür entsteht dort, wo Knochen dicht unter der Haut liegen und stundenlang Gewicht auflastet. Wie Angehörige richtig lagern, die Haut prüfen, einen Bewegungsplan führen und welche Hilfsmittel die Kasse bezahlt.

Von Redaktion 8 Min. Lesezeit

Weitergeben

Kurz beantwortet

Dekubitusprophylaxe zu Hause: Lagerung und Bewegungsplan
Dekubitusprophylaxe heißt vor allem: Druck regelmäßig von Steißbein, Fersen und Hüften nehmen, etwa mit 30-Grad-Seitenlage und Lagewechseln nach Plan. Der oft genannte Zwei-Stunden-Takt ist nur ein Richtwert. Haut täglich prüfen, nicht massieren, und Matratzen oder Kissen per Rezept über die Kasse beziehen.
Leeres Pflegebett mit Seitengittern, Kopfkissen und Aufrichthilfe am Galgen, daneben ein Nachttisch mit gelben Blumen
Foto: AndrzejRembowski / Pixabay, Pixabay-Inhaltslizenz

Dekubitusprophylaxe bedeutet, gefährdete Körperstellen regelmäßig von Druck zu entlasten: durch Bewegung, Lagewechsel nach einem festen Plan und druckverteilende Hilfsmittel. Der verbreitete Zwei-Stunden-Takt ist nur ein Richtwert. Laut IQWiG konnten Studien bisher nicht klären, welcher Abstand zwischen zwei Lagewechseln am besten ist.

Ein Druckgeschwür entsteht fast immer dort, wo Knochen direkt unter der Haut liegen: am Steißbein, an Fersen, Hüften, Schulterblättern, Knöcheln, Ellenbogen, Ohren und am Hinterkopf. Lastet das Körpergewicht dort lange auf, wird das Gewebe schlecht durchblutet und kann absterben. Wer bettlägerig ist oder viel im Rollstuhl sitzt, ist besonders gefährdet.

Ärztlich abklären lassen sollten Angehörige rasch, wenn eine Rötung auch ohne Druck bestehen bleibt, sich eine Blase oder offene Stelle bildet oder eine Hautstelle auffällig warm, hart oder schmerzhaft ist. Fieber, Eiter oder übler Geruch an einer Wunde können auf eine Infektion hindeuten. Laut IQWiG kann sich eine solche Entzündung bis zur Blutvergiftung (Sepsis) ausweiten. Kommen hohes Fieber, Verwirrtheit, schneller Atem oder Puls hinzu, gilt der Notruf 112.

Wer gefährdet ist

Gesunde Menschen bewegen sich auch im Schlaf ständig und spüren, wenn eine Stelle zu lange belastet wird. Bei sehr schwachen, gelähmten oder bewusstlosen Menschen fällt dieser Schutz weg. Der Expertenstandard Dekubitusprophylaxe des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP, 2. Aktualisierung 2017) bezieht Angehörige ausdrücklich ein, weil sie gerade in der häuslichen Versorgung viel zur Vorbeugung beitragen.

RisikofaktorWarum er gefährlich ist
Bettlägerigkeit, RollstuhlDruck auf dieselben Stellen über Stunden
LähmungDruck und Schmerz werden nicht gespürt
Langjähriger DiabetesSchmerzempfinden und Durchblutung gestört
ArterioskleroseHaut schlechter mit Sauerstoff versorgt
Unterernährung, wenig TrinkenDünnere, weniger belastbare Haut
InkontinenzAufgeweichte Haut wird schneller wund
Früherer DekubitusErhöhtes Risiko an derselben Stelle

Die Liste folgt den Angaben von gesundheitsinformation.de (IQWiG) und gesund.bund.de. Treffen zwei oder mehr Punkte zu, lohnt sich ein Gespräch mit Hausarztpraxis oder Pflegedienst über einen schriftlichen Lagerungsplan.

Rückenlage Hinterkopf Schulterblätter Steißbein Fersen 30-Grad-Seitenlage und frei gelagerte Ferse 30° Rücken auf Keilkissen Kissen unter der Wade, Ferse frei
Grafik: Redaktion

Lagerungstechniken für bettlägerige Menschen

Die folgenden Regeln stammen aus den Leitlinien der Fachgesellschaften EPUAP und NICE. Die Medizinische Universität Graz hat sie 2018 in einer deutschsprachigen Handlungsempfehlung zusammengefasst.

  • Abwechselnd rechts und links in die 30-Grad-Seitenlage bringen, gestützt durch ein Kissen unter Rücken und Gesäß, dazwischen Rückenlage.
  • Das Kopfteil höchstens auf 30 Grad stellen. Steiler rutscht der Körper nach unten, und am Steißbein entstehen Scherkräfte. Ausnahmen sind erlaubt, etwa während der Mahlzeiten.
  • Fersen freilagern: ein Kissen unter die Wade, sodass die Ferse in der Luft hängt und das Knie leicht gebeugt ist.
  • Nie auf gerötete Stellen legen. Ist das Kreuzbein rot, fällt die Rückenlage weg, bis die Rötung verschwunden ist.
  • Anheben statt ziehen. Zum Hochrutschen im Bett hilft ein Laken oder eine Gleitmatte. Wer über die Unterlage gezogen wird, bekommt Scherkräfte ab, die laut IQWiG die Haut zusätzlich schädigen.

Kleine Positionswechsel zählen ebenfalls. Ein Kissen unter einer Schulter leicht verschieben, ein Bein anders ablegen oder das Becken etwas drehen: Solche Bewegungen entlasten zwischen den großen Lagewechseln. Alles, was die gepflegte Person noch selbst kann, sollte sie selbst tun. Das fördert laut IQWiG die Selbstständigkeit und beugt ebenfalls vor.

Anzeige

Anzeigenplatz für Pflegedienste, Hilfsmittel und Entlastungsangebote.

Mediadaten

Wie oft umlagern? Der Bewegungsplan

Die zwei Stunden sind ein Erfahrungswert aus der Pflegepraxis. Manche Menschen liegen länger ohne Hautschaden, andere brauchen deutlich häufigere Wechsel. Nachts kann ein starrer Zwei-Stunden-Rhythmus den Schlaf zerstören und für Angehörige zur Dauerbelastung werden. Das IQWiG empfiehlt daher, zu beobachten, wie oft Positionswechsel wirklich nötig sind, und die Lagewechsel aufzuschreiben.

So lässt sich der passende Abstand herausfinden: Nach jeder Lage die belasteten Stellen ansehen. Verschwindet eine Rötung innerhalb kurzer Zeit, war der Abstand vertretbar. Bleibt sie, wird er verkürzt oder die Matratze geprüft. Der Plan sollte mit der Hausarztpraxis oder dem Pflegedienst abgestimmt sein.

UhrzeitPositionHaut geprüftAuffälligkeit
07:00 UhrRückenlage, Fersen freiSteißbein, Fersenkeine
09:00 UhrSitzen im Sessel mit KissenGesäßkeine
11:00 Uhr30 Grad rechtsrechte HüfteRötung, nach 15 min weg
13:00 UhrRückenlage, Kopfteil 30 GradSteißbeinkeine
15:00 Uhr30 Grad linkslinke Hüfte, Ohrkeine

Die Uhrzeiten sind nur ein Beispiel. Brauchbar wird der Plan durch vier Spalten: Uhrzeit, Lage, geprüfte Stellen und Befund. So sehen alle, die mitpflegen, auf einen Blick, wann zuletzt gewechselt wurde und wo es kritisch wird.

Haut prüfen mit dem Fingertest

Die gefährdeten Stellen regelmäßig ansehen, am besten bei jedem Lagewechsel. Bei einer Rötung drei Sekunden lang mit dem Finger auf die Stelle drücken und loslassen. Wird die Haut kurz hell und rötet sich dann wieder, ist sie noch durchblutet. Bleibt die Rötung beim Drücken bestehen, ist das bereits ein Dekubitus im ersten Stadium. Dann diese Stelle konsequent entlasten und Pflegedienst oder Praxis informieren. Bei dunkler Haut ist eine Rötung schwer zu sehen; Wärme, Kälte oder Verhärtung im Vergleich zur Umgebung sind dann die Hinweise.

Hautpflege und Ernährung

Die Haut soll sauber sein und weder austrocknen noch ständig feucht bleiben. Bei Inkontinenz heißt das: Einlagen und Windeln rechtzeitig wechseln und die Haut mit pH-neutralen, milden Mitteln reinigen. Eine Creme hilft bei sehr trockener Haut. Dass regelmäßiges Eincremen Druckgeschwüren vorbeugt, ist laut IQWiG aber nicht belegt.

Gerötete Haut nicht massieren und nicht kräftig reiben. Das schädigt das ohnehin gefährdete Gewebe. Auch alte Hausmittel wie „Eisen und Föhnen“, also abwechselnd Kälte und Warmluft, gelten laut der Grazer Handlungsempfehlung als gesundheitsgefährdend.

Wer wenig isst und kaum trinkt, hat eine dünnere und weniger belastbare Haut. Genug trinken und ausgewogen essen gehört deshalb zur Vorbeugung. Ob hochkalorische Trinknahrung Druckgeschwüre verhindert, ist laut IQWiG unklar. Bei Gewichtsverlust kann sie trotzdem sinnvoll sein, das klärt die Hausarztpraxis.

Hilfsmittel: was hilft und was schadet

Das Hilfsmittelverzeichnis des GKV-Spitzenverbands führt Hilfsmittel gegen Dekubitus als eigene Produktgruppe 11. Die Wirkprinzipien sind Druckverteilung, Freilagerung und wechselnde Entlastung.

HilfsmittelWirkungEinsatz
Weichlagerungsmatratze oder -auflageVerteilt das Gewicht auf mehr FlächeErhöhtes Risiko, beginnende Rötung
WechseldruckmatratzeLuftkammern füllen und leeren sich mehrmals pro StundeHohes Risiko, bestehender tiefer Dekubitus
MikrostimulationssystemSetzt Eigenbewegungen in Gegenbewegungen umNach Verordnung
Sitzkissen (Schaum, Gel, Luft)Entlastet Gesäß und SitzbeinhöckerRollstuhl, Sessel
Fersenschoner, LagerungskissenFreilagerung einzelner StellenFersen, Knöchel, Knie

Ungeeignet sind nach den Empfehlungen von EPUAP Hilfsmittel, die punktuell Druck erzeugen: Ringe und Donut-Kissen, mit Wasser gefüllte Handschuhe und synthetische Schaffelle. Ein Luftring unter dem Steißbein schafft am Ringrand neuen, punktuellen Druck. Fersenschoner können beim Aufstehen die Sturzgefahr erhöhen, darauf weist das IQWiG hin.

Auch die beste Matratze ersetzt keine Bewegung. Der DNQP-Expertenstandard betont, dass Technik und Hilfsmittel die Förderung der Eigenbewegung unterstützen, aber nicht ersetzen.

Wer die Kosten trägt

Für Anti-Dekubitus-Matratzen und Sitzkissen braucht es ein ärztliches Rezept, das ein Sanitätshaus einlöst. Die Krankenkasse zahlt nach § 33 SGB V, wenn das Hilfsmittel im Einzelfall erforderlich ist. Erwachsene zahlen nach § 61 SGB V 10 Prozent zu, mindestens 5 Euro und höchstens 10 Euro je Hilfsmittel (Stand 10/2026).

Die Pflegekasse kommt nach § 40 SGB XI ins Spiel, wenn das Hilfsmittel vor allem die Pflege erleichtert. Für Verbrauchsmaterial wie saugende Bettschutzeinlagen zahlt sie bis zu 42 Euro im Monat. Technische Pflegehilfsmittel verleiht sie vorrangig, die Zuzahlung beträgt 10 Prozent, höchstens 25 Euro.

Ein Rechenbeispiel: Kostet eine Weichlagerungsmatratze die Kasse 300 Euro, ergeben 10 Prozent 30 Euro. Die Zuzahlung ist aber auf 10 Euro gedeckelt, mehr zahlen Versicherte nicht. Wer ein teureres Modell als nötig wählt, trägt die Mehrkosten selbst.

Unterstützung für Angehörige

Lagern und Umsetzen lässt sich lernen. Die Pflegekassen müssen nach § 45 SGB XI kostenlose Pflegekurse anbieten, auf Wunsch auch als Schulung in der eigenen Wohnung. Dort zeigt eine Pflegefachperson die 30-Grad-Lagerung am eigenen Bett und mit den vorhandenen Kissen.

Wer Pflegegeld bezieht, muss ab Pflegegrad 2 halbjährlich einen Beratungsbesuch nach § 37 Absatz 3 SGB XI abrufen, bei Pflegegrad 4 und 5 ist auch ein vierteljährlicher Besuch möglich. Dieser Termin eignet sich gut, um den Lagerungsplan und die Haut gemeinsam anzusehen. Pflegeberatungsstellen beantworten Fragen zu Hilfsmitteln.

Häufige Fehler

  • Starrer Zwei-Stunden-Takt, ohne die Haut zu beobachten.
  • Kopfteil stundenlang steil gestellt, die Person rutscht nach unten.
  • Fersen liegen auf der Matratze.
  • Gerötete Stellen werden massiert oder eingerieben.
  • Luftring oder Gummiring unter dem Gesäß.
  • Langes Sitzen im Sessel ohne Sitzkissen und ohne Positionswechsel.
  • Nasse Einlagen bleiben über Stunden liegen.

Häufige Fragen

Wie oft sollte man Bettlägerige umlagern?

Einen für alle gültigen Abstand gibt es nicht. Zwei Stunden sind ein Startwert. Ob er passt, zeigt die Haut: Bleiben Rötungen, wird häufiger gelagert oder die Matratze angepasst.

Wird ein Dekubitus-Kissen von der Krankenkasse bezahlt?

Ja, wenn eine Ärztin oder ein Arzt es verordnet und es im Einzelfall nötig ist. Die Zuzahlung beträgt 10 Prozent, mindestens 5 und höchstens 10 Euro, aber nie mehr als das Hilfsmittel selbst kostet.

Ist ein Dekubitus ein Pflegefehler?

Nicht automatisch. Der DNQP-Expertenstandard hält Druckgeschwüre für weitgehend vermeidbar, nennt aber Ausnahmen: schwere Erkrankungen, die letzte Lebensphase oder die bewusste Entscheidung der betroffenen Person gegen bestimmte Maßnahmen.

Was darf man bei Dekubitus nicht machen?

Nicht auf der geröteten oder wunden Stelle lagern, nicht massieren, keine Ringe verwenden und die Person nicht über das Laken ziehen. Eine offene Wunde gehört in ärztliche Behandlung.

Fazit

Dekubitusprophylaxe zu Hause besteht aus Druckentlastung, Hautkontrolle und einem schriftlichen Bewegungsplan. Die 30-Grad-Seitenlage im Wechsel mit der Rückenlage, frei gelagerte Fersen und ein Kopfteil von höchstens 30 Grad sind die Grundlage. Wie oft gelagert wird, richtet sich nach dem, was die Haut zeigt. Angehörige sollten früh einen kostenlosen Pflegekurs belegen und die Matratze per Rezept über die Krankenkasse beziehen.

Quellen

Weitergeben

Mehr aus Pflege zu Hause

  1. Pflege zu Hause

    Entlassmanagement: Was vor der Entlassung geklärt sein muss

    Das Krankenhaus muss die Zeit nach der Entlassung planen und darf für sieben Tage Rezepte, Pflegedienst und Hilfsmittel verordnen. Was danach kommt, hängt an Anträgen mit kurzen Fristen. Mit Zeitstrahl, Leistungstabelle und Checkliste für Angehörige.

    7 Min. Lesezeit

  2. Pflege zu Hause

    Pflegebett von der Krankenkasse: Wer zahlt, was bleibt?

    Ein Pflegebett gibt es auf Antrag als Leihgabe, mit Matratze und Wartung. Welche Kasse zuständig ist, warum die Zuzahlung meist bei 10 Euro endet und wie der Antrag ohne Rezept klappt.

    8 Min. Lesezeit

  3. Pflege zu Hause

    Hausnotruf Kosten: Was zahlt die Pflegekasse und was nicht?

    Der Basistarif kostet bei den großen Anbietern 27 Euro im Monat, genau so viel übernimmt die Pflegekasse. Teuer wird es erst mit Bereitschaftsdienst und Sensoren. Preise, Voraussetzungen, Antrag und ein Rechenbeispiel.

    8 Min. Lesezeit