Sundowning: Warum Demenzkranke abends unruhig werden
Am späten Nachmittag kippt die Stimmung: Unruhe, Angst, der Wunsch, „nach Hause“ zu gehen. Woher das abendliche Sundowning bei Demenz kommt, wie Angehörige Auslöser finden und wann ein Arzt draufschauen muss.
Von Redaktion 7 Min. Lesezeit Aktualisiert am
Kurz beantwortet
- Sundowning: Warum Demenzkranke abends unruhig werden
- Sundowning ist zunehmende Unruhe und Verwirrtheit bei Demenz ab dem späten Nachmittag; Studien finden sie bei 2,5 bis 66 Prozent der Erkrankten. Meist stecken Erschöpfung, ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus und konkrete Auslöser dahinter. Erste Wahl sind Tagesstruktur und Umgebung, Medikamente laut S3-Leitlinie erst danach.

Sundowning (deutsch etwa „Sonnenuntergangs-Syndrom“) bezeichnet Unruhe, Angst und Verwirrtheit, die bei Menschen mit Demenz am späten Nachmittag oder frühen Abend einsetzen oder deutlich zunehmen. Wie häufig das ist, hängt stark von der Definition ab: Eine Übersichtsarbeit im Journal of Clinical Medicine (Reimus und Kollegen, 2025) nennt je nach Studie 2,5 bis 66 Prozent der Erkrankten.
Sundowning ist keine eigene Krankheit, sondern eine Gruppe von Symptomen. Die Alzheimer's Association zählt dazu Schlafprobleme, Angst, Agitiertheit, Halluzinationen, ruheloses Umherlaufen und Desorientierung. Für Angehörige ist es oft die anstrengendste Zeit des Tages, weil die eigene Kraft am Abend ebenfalls nachlässt.
Ärztlich abklären lassen sollten Angehörige die Unruhe, wenn sie innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen neu auftritt oder sich sprunghaft verschlimmert, wenn Fieber, Schmerzen, Brennen beim Wasserlassen oder Atemnot dazukommen oder wenn ein neues Medikament angesetzt wurde. Dahinter kann ein Delir stecken, eine akute Verwirrtheit mit körperlicher Ursache. Bei Bewusstseinstrübung, Sturz mit Kopfverletzung oder Gefahr für sich und andere gilt der Notruf 112.
Was beim Sundowning typisch ist
Das Muster wiederholt sich: Vormittags wirkt der Mensch mit Demenz noch einigermaßen orientiert, am späten Nachmittag wächst die Anspannung. Häufig sind das Herumlaufen in der Wohnung, das wiederholte Fragen nach Angehörigen, die längst gestorben sind, oder der Satz „Ich will jetzt nach Hause“, obwohl die Person zu Hause ist. Manche werden laut oder abwehrend, andere ziehen sich ängstlich zurück.
Das US-amerikanische National Institute on Aging (NIA) beschreibt Sundowning als Unruhe, Gereiztheit und Verwirrtheit, die beginnen, wenn das Tageslicht schwindet. Übermüdung verstärkt sie nach Angaben des Instituts. Nachts kann die Unruhe weitergehen und den Schlaf beider Seiten zerreißen.
Warum Demenz abends stärker wirkt
Eine einzige Ursache gibt es nicht. Die Forschung kennt mehrere Faktoren, die zusammenspielen.
- Die innere Uhr: Der Nucleus suprachiasmaticus im Zwischenhirn steuert den Tag-Nacht-Rhythmus. Bei Alzheimer wird er nach der Übersicht von Reimus und Kollegen durch den Krankheitsprozess geschädigt, der Rhythmus gerät aus dem Takt.
- Erschöpfung: Ein Tag voller Eindrücke kostet ein krankes Gehirn viel Kraft. Am Abend ist die Reserve aufgebraucht.
- Licht und Schatten: Wenig Licht erzeugt Schatten, die falsch gedeutet werden können. Das kann laut Alzheimer's Association Halluzinationen und Angst auslösen.
- Stimmung im Raum: Menschen mit Demenz spüren Stress und Hektik der anderen, etwa beim Kochen oder wenn Besuch geht, und werden selbst unruhig.
- Körperliche Beschwerden: Schmerzen, Verstopfung, Hunger, Durst, eine volle Blase oder nasse Inkontinenzvorlage. Viele Betroffene können das nicht mehr in Worte fassen.
Das NIA nennt als weitere Auslöser von Agitiertheit zu wenig Schlaf, plötzliche Veränderungen von Ort, Ablauf oder Bezugsperson, Lärm, zu viele Menschen im Raum, Einsamkeit sowie Medikamente und deren Wechselwirkungen.
Sundowning oder Delir: der Unterschied
Ein Delir sieht dem Sundowning ähnlich, ist aber ein medizinischer Notfall. Laut einer Übersicht im Deutschen Ärzteblatt (Lorenzl und Kollegen, 2012) entwickelt es sich über mehrere Stunden oder Tage, schwankt im Verlauf und bringt den Tag-Nacht-Rhythmus durcheinander. Typische Auslöser bei Demenz sind Infektionen, Flüssigkeitsmangel und Medikamente, besonders solche mit anticholinerger Wirkung.
| Merkmal | Sundowning | Delir |
|---|---|---|
| Beginn | wiederkehrend, an vielen Tagen gleich | akut, binnen Stunden bis Tagen |
| Tageszeit | wiederkehrend ab Nachmittag/Abend | jederzeit, stark schwankend |
| Aufmerksamkeit | wie sonst bei der Demenz | deutlich gestört, wirkt „weggetreten“ |
| Typische Ursache | Rhythmusstörung, Erschöpfung, Umgebung | Infekt, Austrocknung, Medikament |
| Was zu tun ist | Tagesablauf und Umgebung anpassen | noch am selben Tag ärztlich abklären |
Die Übergänge sind fließend, gerade bei Hochbetagten. Wer unsicher ist, ob die Unruhe „neu“ ist, ruft lieber die Hausarztpraxis oder abends den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117 an.
Auslöser finden: ein Protokoll über 14 Tage
Die Alzheimer's Association rät, festzuhalten, was vor einer unruhigen Phase passiert. Nach der S3-Leitlinie Demenzen von DGPPN und DGN (Fassung 2023) ist eine Verhaltensanalyse mit Suche nach der Ursache der erste Schritt jeder Behandlung von Agitiertheit. Ein einfaches Protokoll über zwei Wochen zeigt oft ein Muster, das im Alltag untergeht.
| Spalte | Was eintragen | Beispiel |
|---|---|---|
| Uhrzeit | Beginn und Ende der Unruhe | 17:10 bis 18:30 Uhr |
| Davor | Was in der Stunde vorher geschah | Besuch ging, Fernseher lief |
| Körper | Trinken, Toilette, Stuhlgang, Schmerzen | seit Mittag 2 Tassen getrunken |
| Schlaf | Mittagsschlaf, Nacht davor | Mittagsschlaf 14 bis 16 Uhr |
| Verhalten | Was genau passierte | lief zur Tür, wollte „heim“ |
| Was half | Reaktion und Wirkung | Fotoalbum, nach 20 min ruhiger |
Das ausgefüllte Protokoll gehört zum nächsten Arzttermin. Es hilft, körperliche Ursachen einzugrenzen und die Einnahmezeiten von Medikamenten zu prüfen, was die Alzheimer's Association ausdrücklich empfiehlt.
Was im Alltag hilft
Die folgenden Maßnahmen stammen aus den Empfehlungen von NIA und Alzheimer's Association. Nicht jede wirkt bei jedem Menschen, das Protokoll zeigt, was ankommt.
Tagsüber vorbeugen
- Feste Zeiten für Aufstehen, Mahlzeiten und Zubettgehen einhalten.
- Jeden Tag ins Freie oder zumindest ans Fenster, um Tageslicht abzubekommen.
- Bewegung einplanen, etwa einen Spaziergang, aber den Tag nicht überladen.
- Arzttermine, Ausflüge und Baden auf Vormittag oder frühen Nachmittag legen.
- Lange Nickerchen und Dösen am späten Nachmittag vermeiden.
- Koffein, Cola und Alkohol am späteren Tag weglassen.
- Mittags die größere Mahlzeit, abends eine leichte.
Am Nachmittag und Abend
Rechtzeitig vor der Dämmerung das Licht einschalten, damit keine Schatten entstehen. Fernseher, laute Musik und Hausarbeit in der Nähe reduzieren. Ruhige Beschäftigungen anbieten, die die Person mag: Fotos anschauen, vertraute Musik, Wäsche zusammenlegen, ein Spaziergang in Begleitung.
Die S3-Leitlinie empfiehlt bei agitiertem Verhalten mit starkem Empfehlungsgrad personalisierte Aktivierung, Musiktherapie oder Berührungstherapie wie Massage. Für Lichttherapie mit Speziallampen zeigte eine Metaanalyse über 11 Studien dagegen keinen Effekt auf Agitiertheit. Tageslicht im Alltag schadet trotzdem nicht.
Wenn die Unruhe schon da ist
- Ruhig ansprechen, langsam, mit kurzen Sätzen.
- Nicht diskutieren und nicht korrigieren. Ob die Mutter „wirklich“ zu Hause ist, lässt sich in diesem Moment nicht klären.
- Fragen, ob etwas fehlt: Toilette, Durst, Hunger, Schmerz, Kälte.
- Versichern, dass alles in Ordnung ist und jemand da ist.
- Umherlaufen zulassen, wenn der Weg sicher ist, und dabei bleiben.
- Nicht festhalten oder fixieren.
- Mit einem Getränk, Snack oder einer vertrauten Tätigkeit ablenken.
Wird jemand aggressiv, rät das NIA, Abstand zu halten, bis das Verhalten nachlässt, und Autoschlüssel, Messer und andere gefährliche Gegenstände wegzuschließen. Ein tiefer Atemzug, bis zehn zählen: Das gilt auch für die pflegende Person.
Welche Medikamente infrage kommen
Ein eigenes Medikament gegen Sundowning gibt es nicht. Die S3-Leitlinie Demenzen sieht Arzneimittel bei Agitiertheit erst vor, wenn Kommunikation, Umgebung und nicht medikamentöse Maßnahmen nicht genügen und die Beschwerden die Betroffenen oder Pflegenden erheblich belasten.
- Antipsychotika: Die Leitlinie schlägt bei behandlungsbedürftiger Agitiertheit Risperidon als erste und Haloperidol als zweite Wahl vor, zeitlich begrenzt. Zugelassen ist Risperidon für anhaltende Aggression bei Alzheimer-Demenz mit Eigen- oder Fremdgefährdung. Die Leitlinie nennt als Risiken eine erhöhte Sterblichkeit und mehr Schlaganfälle.
- Benzodiazepine sollten nach der Leitlinie vermieden werden, weil sie abhängig machen, die geistige Leistung verschlechtern und die Sturzgefahr erhöhen.
- Melatonin hatte in Studien geringe oder gar keine Wirkung auf den Nachtschlaf bei Demenz.
- Melperon und Pipamperon können laut Leitlinie im Rahmen ihrer Zulassung bei Schlafstörungen eingesetzt werden. Höherwertige Belege fehlen.
Welches Mittel in welcher Dosis passt, entscheidet die Ärztin oder der Arzt im Einzelfall. Beruhigungsmittel aus dem Bekanntenkreis oder frei verkäufliche Schlafmittel ohne Rücksprache sind bei Demenz riskant, weil manche Wirkstoffe ein Delir auslösen können.
Entlastung für pflegende Angehörige
Sundowning kostet Kraft, oft über Monate. Laut der Übersicht von Reimus und Kollegen erhöht es deutlich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Umzug ins Pflegeheim nötig wird. Wer abends regelmäßig an die Grenze kommt, kann Hilfe der Pflegeversicherung nutzen.
| Angebot | Rechtsgrundlage | Umfang (Stand 10/2026) |
|---|---|---|
| Tages- oder Nachtpflege, Pflegegrad 2 | § 41 SGB XI | bis 721 € im Monat |
| Tages- oder Nachtpflege, Pflegegrad 3 | § 41 SGB XI | bis 1.357 € im Monat |
| Tages- oder Nachtpflege, Pflegegrad 4 | § 41 SGB XI | bis 1.685 € im Monat |
| Tages- oder Nachtpflege, Pflegegrad 5 | § 41 SGB XI | bis 2.085 € im Monat |
| Pflegekurs für Angehörige | § 45 SGB XI | kostenlos, auch zu Hause |
Die teilstationäre Pflege kommt nach § 41 Abs. 3 SGB XI zusätzlich zu Pflegegeld oder Pflegesachleistung, ohne diese zu kürzen. Die Fahrt zur Einrichtung ist im Leistungsbetrag enthalten, Kosten für Verpflegung und Investitionen deckt er nicht. Ein Tag in der Tagespflege mit Bewegung und Licht kann den Abend ruhiger machen, eine Nachtpflege gibt Angehörigen wieder Schlaf. Nachtpflegeplätze sind allerdings selten, Auskunft geben Pflegekasse und Pflegestützpunkt.
Telefonische Beratung bietet das Alzheimer-Telefon der Deutschen Alzheimer Gesellschaft unter 030 259 37 95 14.
Häufige Fragen
Was ist Sundowning auf Deutsch?
Im Deutschen ist auch von „Sonnenuntergangs-Syndrom“ oder abendlicher Unruhe bei Demenz die Rede. Gemeint ist dasselbe: Verwirrtheit und Unruhe, die in den späten Nachmittags- und Abendstunden zunehmen.
Bei welcher Demenzform tritt Sundowning auf?
Beschrieben ist es vor allem bei Alzheimer, es kommt aber bei anderen Demenzformen ebenfalls vor. Ob eine Form häufiger betroffen ist, ist laut der Übersicht von Reimus und Kollegen nicht geklärt.
Kann sich Demenz schlagartig verschlechtern?
Die Demenz selbst schreitet meist langsam fort. Eine Verschlechterung über Stunden oder Tage spricht eher für ein Delir, etwa durch einen Harnwegsinfekt, Austrocknung oder ein neues Medikament, und gehört zügig ärztlich abgeklärt.
Fazit
Sundowning hat fast immer mehrere Ursachen, und einige davon lassen sich beeinflussen. Am meisten bringt ein fester Tagesablauf mit Tageslicht, Bewegung und wenig Programm am Abend, dazu ein zweiwöchiges Protokoll, das Auslöser sichtbar macht. Neu auftretende oder plötzlich stärkere Unruhe sollte ärztlich auf ein Delir geprüft werden. Medikamente kommen nach der Leitlinie erst danach und nur befristet infrage.
Quellen
- DGPPN und DGN, AWMF-Register 038-013 · S3-Leitlinie Demenzen, Langfassung 2023 · Abruf 10/2026
- National Institute on Aging · Coping With Agitation, Aggression, and Sundowning in Alzheimer's Disease · Abruf 10/2026
- Alzheimer's Association · Sleep Issues and Sundowning · Abruf 10/2026
- Reimus et al., Journal of Clinical Medicine · Sundowning Syndrome in Dementia: Mechanisms, Diagnosis, and Treatment (2025) · Abruf 10/2026
- Deutsches Ärzteblatt · Lorenzl et al.: Verwirrtheitszustände im Alter: Diagnostik und Therapie (2012) · Abruf 10/2026
- Bundesministerium der Justiz · § 41 SGB XI, Tagespflege und Nachtpflege · Abruf 10/2026
- Bundesministerium der Justiz · § 45 SGB XI, Pflegekurse für Angehörige · Abruf 10/2026
- Deutsche Alzheimer Gesellschaft · Alzheimer-Telefon · Abruf 10/2026


